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Albanien: Der letzte weisse Fleck – Teil 1

Gjirokaster. Einer der wenigen Orten Albaniens, in denen die alte Bausubstanz des Zentrums nicht durch langweilige Blattenbauten ersetzt wurde.

Catherine: Albanien haut mich um, im wahrsten Sinne des Wortes. Nach ein paar Tagen liege ich k.o. am Boden und bettle um eine Pause. Ich sehne mich nach etwas Touristenidylle, nach putziger, bougainvilleabekränzter Mediterranität. Stattdessen sitzen wir in einem ausgestorbenen Strassencafé irgendwo in Südalbanien, eingeklemmt zwischen trostlosen kommunistischen Fassaden und einer schlaglochübersäten Piste namens Hauptstrasse.
Albanien soll der letzte weisse Fleck auf Europas Karte sein, und dieser Fleck macht seinem Ruf alle Ehre. Hinter uns liegen vierzig Kilometer auf Offroadpfaden durchs Gebirge. Das klingt nach Abenteuer und ist es auch, vor allem, wenn man die Tour in einem Opel Corsa unternimmt. Die Reifen haben wundersamerweise gehalten, doch meine Nerven sind platt. Der Anblick von Përmet – einer typisch albanischen Ortschaft voller Plattenbauten, bar jeden mediterranen Charmes – hilft auch nicht, meine Stimmung zu heben. Ich will etwas zu Essen, ich will ein bequemes Bett, und dann will ich: weg.

Gian: Albanien ist wirklich ein weisser Fleck! Wo sonst in Europa gibt es noch ein Land, wo sogar die besten im Handel verfügbaren Landkarten voller Fehler sind? Fett rot eingezeichnete Hauptverkehrsachsen entpuppen sich als Eselspfade, Autobahnen als holprige Landstrassen. Auch auf tatsächlich existierenden Autobahnen  kann es vorkommen, dass der Übergang auf eine Brücke aus einem Absatz von mehreren Zentimetern besteht – man lernt schnell, dass man es den Einheimischen nachmachen sollte, wenn alle ohne ersichtlichen Grund plötzlich abbremsen. Beim Autofahren muss man sowieso immer auf der Hut sein, auch wegen den halsbrecherischen Überholmanövern der Einheimischen. Irgendwie scheinen viele einen speziellen Kurvenblick zu haben, da gerne an der unübersichtlichsten Stelle zum Überholmanöver angesetzt wird.

Genau das macht den Reiz aus: Hier kann man noch etwas erleben.  Albanien ist spannend, wild und authentisch. Das fängt schon auf der Fähre an, die uns von Ancona nach Durrës/Durazzo bringt: Ein Frachtschiff voller Lastwagen, ein schreckliches Chaos. Es geht weiter bei den Tankstellen: Ausser im Kosovo gibt es wohl nirgends in Europa eine höhere Tankstellendichte, stellenweise reiht sich eine an die andere. Ähnlich beliebt sind Autowaschanlagen (Autolavash): Vom einfachen Unterstand mit Gartenschlauch bis zur Edel-Kärcher-Lavash mit angebautem Café trifft man alles an, und zwar an jeder Ecke. Internationale Ketten gibt es allerdings nicht: kein Shell, kein BP, stattdessen einheimische Unternehmen mit Namen wie Kastrati und Eida.  Es gibt auch keinen McDonald’s, keinen Zara und keinen IKEA. Albanien ist wahrscheinlich eine der letzten Ecken Europas, die (noch) nicht von internationalen Marken beherrscht wird. Mit Ausnahme von Mercedes: Die Albaner lieben Autos, vor allem alte Mercedes Benz-Modelle (Stufenheck-Limousinen) und deutsche Autos überhaupt. Bereits am zweiten Tag werde ich gefragt, ob ich unseren Corsa verkaufen möchte – trotz seiner über 235’000 km im Fahrgestell…

Link zu Teil 2: Albanien: Liebe auf den zweiten Blick

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8 Kommentare

  1. Toller Bericht! Habt grossen Dank dafür. Ich plane für nächsten Frühling, Albanien mit dem Rennrad zu durchqueren auf dem Weg von Zürich nach Istanbul. Die grössten Fragen stelle ich mir zur Dichte von Unterkünften (Pensionen, Hotels) und die Qualität der Strassen. Könnt ihr dazu was sagen?

    • Catherine & Gian sagt

      Albanien ist auf jeden Fall eine Reise wert (auch wenn im ersten Teil des Berichts v.a. auch unsere anfängliche Überforderung mit dem Land im Zentrum steht). Das Velo ist grundsätzlich sehr zu empfehlen, da die Landschaft sehr abwechslungsreich ist und du auf diese Weise schnell mit den unheimlich freundlichen Menschen in Kontakt kommst. Mit dem Rennvelo kann es allerdings schwierig werden, weil die Strassenverhältnisse extrem unberechenbar sind. Da derzeit in Albanien enorm in die Infrastruktur investiert wird, sind viele Hauptverkehrsachsen im Bau und daher schwer befahrbar (Teer wechselt sich mit Schotter ab). Gleichzeitig heisst das aber auch, dass viele Verbindungswege, die sich uns noch als Geröllhalden präsentiert haben, nächsten Frühling vielleicht schon geteert sind. Grundsätzlich würde ich dir trotzdem eher ein robustes Touren- oder Mountainbike empfehlen.
      Hotels und Pensionen gibt es zu Hauf, und in abgelegenen Gegenden lassen einen die Leute gerne auch im eigenen Bett schlafen. Man findet immer jemanden, der einem weiterhilft, die Albaner/innen freuen sich in der Regel sehr über Reisende.

    • Catherine & Gian sagt

      Da können wir nur zustimmen. Albanien durchläuft derzeit einen rasanten Prozess der Modernisierung; diesen mitzuerleben ist teilweise anstrengend, aber eben auch sehr, sehr spannend. Die osteuropäischen Touristen haben die albanischen Küsten bereits für sich entdeckt, Mittel- und Nordeuropäer hingegen haben wir nur sehr wenige angetroffen.

  2. Pingback: Albanien: Liebe auf den zweiten Blick - Teil 2 - Reisen & mehr

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