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Albanien: Liebe auf den zweiten Blick – Teil 2

Hafen von Durrës/Durrazo. Die Hochhäuser sind Inbegriff des ungezügelten Baubooms. Durazzo gehörte einst zum mittelalterlichen Staatstaat Venedig.

Catherine: Zu Hause auf dem Sofa klang alles so romantisch. Ein unbekanntes Land mitten in Europa, vor gar nicht allzu langer Zeit wachgeküsst aus 46 Jahren kommunistischem Dornröschenschlaf. Ein Geheimtipp – noch. Ich hatte geträumt von wilden Fahrten über die legendär schlechten Strassen, von zahnlos lachenden Bauersfrauen, die kein Wort englisch verstehen, von Ziegenherden in verlassenen Buchten, von krümelnder sozialistischer Architektur und einer allgegenwärtigen Stimmung des Aufbruchs. Schockiert bin ich erst, als alles genau so ist. Ich hatte nicht bedacht, dass der Aufbruch derart ins Auge stechen kann, dass er weh tut. Dass der grenzenlose Optimismus der Einheimischen teilweise so schwer mit der Realität zu vereinbaren ist, dass es einem das Herz bricht. Denn wo die Topographie es zulässt, wird gebaut; planlos, häufig illegal und ohne Rücksicht auf Verluste. Wir brauchen Hotels, sagen die Albaner mit leuchtenden Augen. In ein paar Jahren wird Albanien die neue Touristendestination Europas sein, ihr werdet sehen. Ich lächle verlegen, lasse den Blick über die unfassbare Masse halb fertiger oder schon halb zerfallener Betonbauten schweifen, die den Küstenstreifen bedecken bis zum Horizont, und überlasse Gian das Reden. Er palavert mit den Einheimischen munter auf Kauderwelsch über deutsche Autos und albanisches Bier und freut sich diebisch, dass diese ihn für einen Kosovaren halten.

Gian: Albanien ist ein muslimischer Staat – etwas, das man fast übersehen könnte, wären da nicht die vielen Moscheen und der Ruf des Muezzins, der einen am Morgen aus dem Schlaf reisst. Diese typisch orientalische Geräuschkulisse, mitten in Europa, das ist exotisch und irgendwie ungewöhnlich. Doch ansonsten erscheint mir Albanien ebenso liberal wie jedes andere Land in Mittel- und Südeuropa. Die Frauen zum Beispiel wirken selbstbestimmt, viele tragen sehr freizügige Kleidung. Alkohol ist ganz und gar kein Tabu, überall wird fröhlich dem Bier zugesprochen. Die Albaner sind ein freundliches, entspanntes Volk, man kommt überall sehr einfach ins Gespräch. Kochen können sie, gutes Bier brauen sie auch: Birra Korça (am liebsten Dark Ale). Wie der Name schon verrät, war bei der Gründung dieser Brauerei 1928 auch ein Italiener involviert. Auch in Sachen Kaffee ist der Einfluss vom Espresso-Paradies unverkennbar. Dieser kann in jeder Bar bestellt werden – und natürlich gibt’s auch überall richtig starken türkischen Kaffee – für Kaffee-Liebhaber ein Traum!

Catherine: Das hier ist kein Urlaub, es ist Entdeckungsreisen, sagt Gian. Er hat Recht. Doch es dauert ein paar Tage, bis Albaniens Charme auch bei mir angekommen ist, bis ich mich an all die Plattenbauten und das weitgehende Fehlen alter Ortskerne gewöhnt habe und die kleinen Eigenheiten des albanischen Alltags geniessen kann, die dieses Land ausmachen. Es sind oftmals nicht die im Reiseführer ausgewiesenen Sehenswürdigkeiten, davon gibt es in den umliegenden Ländern grössere, schönere, mehr. Es ist vielmehr der Gegensatz von Tradition und Moderne, der ebenso faszinierend wie herausfordernd ist. Wer die Nerven hat, sich ins Hinterland und in die Berge zu wagen, trifft auf streckenweise unberührte, wilde Landschaften, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Wer sich die Zeit nimmt, in einem Dorf beim allabendlichen „Giro“ mitzuschlendern, bei dem vom Kleinkind bis zum Greis alles und jeder auf den Beinen ist, wird Zeuge eines generationenverbindenden Zeitvertreibs, der uns nostalgisch und sehnsüchtig macht. Kichernde Girls in viel zu kurzen Hotpants, pomadenbehaarte Halbstarke mit James Dean-Blick, schwarzgekleidete Mütterchen, schmerbäuchige Patriarchen, kinderwagenschiebende Paare, zwei Schweizer Touristen in Tevasandalen: Alles flaniert die Hauptstrasse auf und ab, knabbert gegrillte Maiskolben, schaut und wird beschaut. Mit dem Mund voller heisser Maiskörner und dem Rauch der Strassengrills in der Nase ist Albanien plötzlich schrecklich romantisch. Wer braucht schon Bougainvilleas?

Link zu Teil 1: Albanien: Der letzte weisse Fleck

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